Weshalb Jugendliche Alkohol trinken
Trotz oft gegenteiliger Berichterstattung in den Medien ist laut epidemiologischen Untersuchungen kein Ansteigen des Alkoholkonsums bei Jugendlichen zu verzeichnen. Allerdings scheint der Einstieg etwa ein Jahr früher zu erfolgen, als noch vor 20 Jahren und Mädchen haben ihren Alkoholkonsum dem der Burschen angeglichen. In der Studie „Jugendliche Alkoholszenen: Kontexte, Trinkmotive, Prävention“ hat eine Arbeitsgruppe des European Centre for Social Welfare Policy and Research und der Studiengänge für Sozialarbeit der Fachhochschule (FH) St. Pölten und der FH Campus Wien unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Irmgard Eisenbach-Stangl das Trinkverhalten von Jugendlichen mit qualitativen Forschungsmethoden untersucht. Die Erhebung wurde in einem großstädtischen Raum (Wien) sowie in einem kleinstädtischen und ländlichen Raum (Niederösterreich) durchgeführt.
Die „jugendlichen Alkoholszenen“ wurden aus drei unterschiedlichen Perspektiven untersucht: Zum Ersten wurden sie anhand von persönlichen und Telefoninterviews aus der Sicht ihrer erwachsenen Umwelt betrachtet. Zum Zweiten wurden die jugendlichen Alkoholszenen durch die „objektive“ Brille der Sozialwissenschaften beobachtet. Und drittens kamen die Jugendlichen in Gruppendiskussionen und Einzelgesprächen selbst zu Wort und konnten ihre Sicht des Alkoholkonsums, seiner Kontexte und seiner Bedeutungen und Funktionen entfalten.
Unterschiedliche Milieus
Laut der Studie können „jugendliche Alkoholszenen“ als von den jungen Menschen selbst organisierte „Institutionen des Übergangs von der Kindheit zum Erwachsenen“ verstanden werden, in denen Geschlechterrollen eingeübt und die Annäherung zum anderen Geschlecht erleichtert werden soll. Darüber hinaus wird durch öffentlichen Alkoholkonsum die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Szene für andere sichtbar dargestellt. Die Studien-autor/innen kommen zu dem Schluss, dass in der überwiegenden Mehrzahl der Szenen der Alkoholkonsum unauffällig bleibt, auch wenn er intensiv ausfallen kann. Auffällige Alkoholszenen finden sich vor allem an Wochenenden im Umfeld von Lokalen und Veranstaltungen, wo alkoholische Getränke billig ausgeschenkt werden.
Die Szenen unterscheiden sich nach ihrem Ort und sind mit unterschiedlichen Milieus assoziiert. Während in der „Straßenszene“ eher Jugendliche aus unterprivilegierten Milieus anzutreffen sind, sind die Besucher der „Lokalszene“ der Mittelschicht zuzurechnen. Der „privaten Szene“ gehören eher Jugendliche aus privilegierten Milieus an. Die Szenen können allerdings durchlässig sein, und ein „Trinken auf mehreren Bühnen“ ist häufig. In den Straßenszenen wird gegen die Langeweile und gegen soziales Unbehagen „angetrunken“. In den Lokalszenen steht der Alkoholkonsum unter dem Vorzeichen, dabei sein und dazugehören zu wollen. Bei den privaten Szenen gesellt sich zu diesem Motiv noch jenes der „verdienten Belohnung für Leistung“.
Präventionsmaßnahmen
Im Rahmen der Studie wurde ein Katalog von Präventionsmaßnahmen entwickelt, der unter
anderem enthält:
- Regeln für den Umgang mit (erwachsenen wie jugendlichen) Berauschten in der Öffentlichkeit auf Bundesebene
- Regeln für die Abgabe von alkoholischen Getränken auf Bundesebene (Stichworte: Verbot von Billigangeboten, Verbot der Abgabe an Alkoholisierte)
- Einfache und handhabbare Regeln für den Alkoholkonsum von Jugendlichenin der Öffentlichkeit auf Bundesebene; nicht exkludierender Umgang mit Verstößen; strukturell verankerte Kooperation der Sicherheitsexekutive mit der Jugendarbeit bei der Durchsetzung der Regeln (zu diesem Thema entwickelt das Forschungsteam zur Zeit eineFolgestudie)
- Gestaltung des Übergangs in den Erwachsenenstatus durch die Jugendpolitik
- Ausbau von integrierenden Maßnahmen für Jugendliche aus unterprivilegierten Milieus
- Umfassende und längerfristig wirksame alkoholpräventive Aktivitäten aufGemeindeebene, in die Jugendliche und Jugendorganisationen eingebunden werden.
Information und Kontakt:
European Centre for Social Welfare Policy and Research
Univ.-Prof. Dr. Irmgard Eisenbach-Stangl
Tel. 01/319 45 05-17
eisenbach-stangl@euro.centre.org
Zuständige Gesundheitsreferentin beim FGÖ:
Ing. Petra Gajar
Tel. 01/895 04 00-12
petra.gajar@fgoe.org
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- 02.03.2010 | © FGÖ